Schulschach ein alter Hut? Bericht aus dem Jahr 1927

Besten Dank an Rudolf Martin für diese wertvollen Informationen! 

Ø „Allgäuer Tagblatt“ vom 25.01.1927 (Schachecke)

Schach als Schulfach

Eine Entgegnung auf den Artikel von A. Ehrlich „Interessiert die Jugend für das Schach“,

Von Frhr, v, Felitzsch-Horn.

Soweit der Verfasser den Wunsch ausspricht, die Jugend für das Schach zu gewinnen, kann man ihm nur beistimmen.

Das Schach als Lehrfach in der Schule und an der Universität mit ministerieller Unbterstützung einzuführen, halte ich für verfehlt, selbst wenn uns Sowjet-Rußland mit leuchtendem Beispiel vorangeht!

Der Gedanke ist schon vor Jahrzehgnten angeregt worden, u. A. von Dr. Tarrasch in der „Woche“ 1904. Den Anstpß gab eine angebliche Verfügung des russiischen Unterichtsministers zaristischer Aera. Es wird darauf hingewiesen, daß das Schach zum logischen Denken zwingt, auf den Verstand einwirkt, das Gedächtnis und die Willenskraft stärkt etc. etc. Dr. E. findet es sogar töricht zu behaupten, daß das Schach die Jugend weltfremd macht und von anderen Unterrichtsfächern ablenkt.

Niemand wird den Reiz und die Bedeutung des Schachspiels verkennen, der sich selbst sein Leben lang damit befaßt und darein vertieft hat. Der Hauptreiz des Schachspiels liegt darin, daß man ständig geistig produktiv ist. Hätte es diesen Reiz nicht, es würdem, ihm nicht so Viele erliegen. Es regt immer wieder aus Neue an und so wird man ernsteren Aufgaben entzogen. Es ist eine alte Erfahrung, daß derjenige, der sich dem Schachspiel verschrieben hat, großer Energie bedarf, um sich zu ernsterer, nützlicher Arbeit aufzuraffen.

Der Vergleich mit der Sport- und Turnbewegung ist nicht stichhaltig. Abgesehen davon, daß dieser Sport einen großen praktischen Wert hat, weil er den Körper stählt, liegt die Gefahr einer allzu intensiven Hingabe nicht vor. Wenn man ermüdet ist, hört man von selbst auf. Welcher eifige Schülee aber kann abbrechen, wenn er eine interessante Stellung vor sich hat? Ein ungelöstes Problem, eine schwierige Schachkombination verfolgt uns oft in cder Arbeit, im Schlaf, wo wir gehen und stehen.

Glaubt man, daß es gelingt, einen durch das Schachspiel zurückgekommenen Schüler vom Schach auszuschließen, um ihn wieder den anderen Fächern zuzuführen? Was soll man sagen, wenn ein Schüer fünf Stunden hinter einem Problem sitzt, ohne es herauszubringen? Wie mögen seine Schulaufgaben aussehen?

Das Heer der in den Städten vegetierenden Schachbummler redet eine sehr ernste Sprache.

Woher will man die Stunden zum Schachuntericht nehmen? Man betrachte sich n ur einmal sden Stundenplan eines Mittelschülers. Sollte man da nicht eher an eine Entlastung als an neue Bürden denken? Und dann, wer weiß, ob nicht das Schachspiel sehr viel von seinem Reiz und seiner Anziehungskraft für die Jugend einbüßt, wenn es ein Schulfach wird?

Die Verbreitung des Schachspiels ist gewiß wünschenswert; aber man bleibe in den richtigen Grenzen. Das Schach bleibt immer ein Spiel und man messe ihm nicht eine Bedeutung bei, die es nicht hat, die unheilvoll wirken kann und unseredles Spiel in Mißkredit bringt.

Zum Schluß möchte ich noch einen ausgezeichneten Artikel wiedergeben als Erwiderung auf den Vorschlag Dr. Tarraschs, das Schach in der Schule einzuführen. Er stammt aus der Feder Oscar Cordels, eines großen Schachtheoretikers, starken Hauptturnierspielers und Analytikers, der ihn 1904 in einer Schachzeitung veröffentlichte.

„Das fehlt uns gerade! Noch bei weitem nicht überwunden haben wir Deutsche den Ruf eines Volkes von bloßen „Dichtern und Denkern“, von unpraktischen Träumern und Ideologen, von zofigen gelehrten und schwerfälligen Bürokraten. Noch immer seufzen wir unter dem Druck einer Schulüberlieferung, die es so schwer wie möglich macht, uns den gewaltig veränderten und gesteigerten Forderungen der Zeit anzupassen – und da kommt allen Ernstes ein Vorschlag, desen Durchführung diese Nationalübel wesentlich verschlimmern helfen würde. Mehr als je und mehr als für irgend ein anderes Volk gilt für uns die Mahnung „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben!“ Das grüblerische Sichversenken in die reizvollen Geheinmnisse eines bloßen Spiels wäre Gift bei planmäßiger Pflege der Jugenderziehung.

Es gilt, unsere Jugend in rastloser Arbeit vorzubereiten für die großen Aufgaben. welche die nationale Entwicklung, das Emporblühen von Handel und Gewerbe, die Steigerzug der Ausfuhr, der Aufschwing der Naturwissenschaft und Technik, namentlich aber die tiefgreifenden sozialen Probleme den heranwachsenden Geschlechtern darbeietn. Diese Aufgaben heischen Männer, die von vornerein auf das hingewiesen werden, was die Zukunft von ihnen erwartet. Und weder das Schachspiel, noch der Homer oder sonstige ältere Herren bieten hierfür die geeignete Schulung. Dazu gehören andere Mittel und Methoden. Aus dem Drängen der Zeit heraus wollen diese Mittel und Methoden geschöpft sein, nicht aus dem Irrgarten der Linguistik und nicht aus den Tabellen des Bilguer.

Wenn das jemand ausspricht, der sich vierzig Jahre mit dem Springergambit beschäftigt hat, so ist wohl von vorneherein jede Mißdeutung ausgeschlossen. Nicht gegen das Schachspiel als solches richten sich meine Äußerungen, sondern gegen die Überschätzung seiner Bedeutung, die ihm keinen Nutzen bringen kann, weil jeder Einsichtige sich gegen ihre Schlußfolgerung wehren muß.“

 

In eigener Sache.

An Baron Freiherrn von Feilitzsch in Horn.

Sehr geehrter Herr Baron!

Als ich den Artikel des Herrn Ehrlich in die Schachecke genommen habe, war vorauszusehen, es würde eine Entgegnung kommen. Allerdings habe ich dieselbe nicht von Seiten eines Vaters oder einer Mutter erwartet, sondern evtl. von den Herren Leitern unserer Schulen. Die beztreffende Stelle wollte ich nicht auslassen, weil mir ein Körnchen darin zu liegen schien, das wie Wahrheit glänzte; auch Ihre Befürchtung kann ich nach den heutigen Verhältnissen nicht ganz teilen, obwohl ich im allgemeinen auf dem gleichen Standpunkt stehe. Erst vor einigen Wochen, an Weihnachten, habe ich einem jungen Gymnasiasten ein vollständiges Turnierspiel mit Anwesiung für Spiel, Eröffnungen und Problemen, zum Geschenk gemacht; nachdem er die Grundregeln studiert hatte, gab ich ihm eine Stunde Unterricht und entließ ihn mit der Warnung, sich nicht zuviel damit zu beschäftigen, sondernvor allem an sein Studium zu denken! Und wenn so ein fakultativer Unterricht in diesem Sinn geleitet wird, dann kann er unmöglich schädlicher sein, wie Tanz und Gesang, Liebe und der Suff; und von diesen werden die Schüler jetzt noch weniger zurückgehalten, wie früher. Ganz verhindern kann man das nie, weil es gegen die Natur geht; aber die natürlichen Anlagen verhindern auch in den allermeisten Fällen ein Überschäumen. Es soll ja der junge Mann, Gott sei Dank, nicht mehr zum Duckmäuser und zur Maschine erzogen werden, sondern zum selbständig denkenden Menschen, zur Charakterstärke. Mir, der ich jetzt auch vierzig Jahre lang schon spiele, mir war es seinerzeit eine Erholung.- Und nun g ar unsere Hochschüler! Über die haben wir noch viel weniger Macht und erreichen noch viel weniger, wenn wir ihnen die Gefahr aus dem Weg räumen. Freilich, hier ist die Gefahr vorhanden, daß einer vom Schachteufel besessen wird, weil das Denken ein tieferes geworden ist; aber auch er wird wieder geheilt und zu verhindern ist nichts, was menschlich ist; kein Eisenbahnunglück, kein Bruch von Gliedmaßen beim Schi- oder Schlittschuhfahren!

Sollen wir nun aber unsere Jugendlichen schlechter stellen, wie den einfachen Arbeiter, der in seinem Verein, namentlich in großen Städten, eine ausgezeichnete Hilfe hat?

Und wie viele taroken nicht lieber? Auch das Denken ermüdet, und wie oft hört man: Ich mag mich nicht anstrengen! Die Jugend strengt sich auch nicht übermäßig an! Sie hat zu viel anderes im Kopf!

Gewiß soll sie zum Kampf erzogen werde; das geschah schon früher und in erhöhtem Maße, aber man kann nicht immer trockenes Brot essen. Es kommt eben immer darauf an, wer den Unterricht gibt! Und ich kann mir nicht denken, daß ein Lehre mit Ihren Eigenschaften (derer gibt es, wenn auch abgeschwächt, doch noch mehrere), für unsere Jugend schädlich sein könnte!! – Ich habe den Vorzug, Sie persönlich zu kennen; ich weiß, daß ein warmfühlenderer und feinsinnigerer Mann nicht leicht zu finden ist; weiß, wie viel der Schachklub Füssen Ihnen zu verdanken hat und kann Ihre Befürchtung doch nicht teilen!

Nach dem kermnigen Ausspruch „man muß sie hören, alle beide“ werden Sie, Herr Baron, mir es niocht in Übel nehmen, wenn ich durch Übersendung einer Nummer dieser zeitung an Herrn Ehrlich diesem Gelegenheit gebe, seine Ansicht zu veteidigen.

In vollster Hochachtung Haefele“