Vorträge von der Londoner School chess conference

Hier gibt es Videos von den Vorträgen: https://londonchessconference.com/2018-conference-presentations/?fbclid=IwAR1p3LpglTVaycFiyoBI-FOnBsANaArJVEj2TIkrk2dYb8HJPGso5G7kfdc

Weitere Videos: https://www.youtube.com/playlist?list=PLO28B-8I9YB5cNRTPuA-KKEZEZuPAfAti&fbclid=IwAR0Y3NPPXTJ3T7voBxBIF-bqIt-qriRt_7KFCX9kmPnxte7m_nCNCxScKhA

https://www.youtube.com/channel/UCPKN8td5VJxJz2goaEYB6YA?fbclid=IwAR0i0JOJozBN2SOWdmFZUzjoiOqvF1JeEp_adJYuarl-ORnX5iYCt65U1xc

Bericht von der London Chess Conference 2018 von Boris Bruhn

Es war ein trockener und kalter Dezembermorgen, als der Taxi-Fahrer um 4.40 Uhr an der Straße die Warnblinker leuchten ließ, um mir entgegen zu kommen.
Wie einfach das ist, wenn man nur Handgepäck hat und so einen neumodischen Ausweis, das hatte ich nicht gedacht. Denn nur 4 Stunden nach dem Verlassen des Hauses stand ich nun an der Hammersmith Station in London.

Der Journalist und Mitorganisator Stefan Löffler hatte mich akquiriert für eine Debatte und zwei kurze Vorträge auf der 6. London Chess Conference, die im Irish Cultural Center abgehalten wurde.

Beeindruckend sind einige der Zahlen: Von 5 Kontinenten kamen die Teilnehmer der Konferenz: Nordamerika, Asien, Afrika, Australien und Europa. 125 waren es alle zusammen.

Allen gemeinsam war und ist, dass sie aktiv sind im Bereich Schach in der Schule, denn die Überschrift der Konferenz lautete „Die Zukunft von Schach im Bildungswesen“.

Wenn es einen Ort gab dieses Jahr, an dem sich die Ideen der Welt für das Schulschach trafen, so war es London an diesem Wochenende. Das kann ich leicht schreiben, denn ich war ja vor Ort. Und im Folgenden werde ich versuchen, einen kleinen Eindruck zu vermitteln, wie sich diese Einschätzung manifestiert hat.

Alles war intensiv dort: gleich vor der Konferenz trafen sich ausgewählte Konferenzteilnehmer aus Europa in einem Cafe, um über die Einsatzmöglichkeiten eines Lernwerkzeugs für den Schachunterricht zu diskutieren und es auszuprobieren.

Nach einer Stunde ging es weiter zum eigentlichen Veranstaltungsort, dem Irish Cultural Center, in dem die Registrierung von ChessPlus vorgenommen wurde. Mit nur wenig Verspätung startete die Veranstaltung mit einigen Podiums-Ansprachen durch die Gastgeber aus Großbritannien.

Dem folgte der erste und sehr gute Vortrag von Jesper Hall aus Schweden. Der Vorsitzende der ECU-Bildungskommission referierte eindringlich über die Herausforderungen der näheren Zukunft: es geht um Kompetenzen, nicht mehr so sehr um konkretes Wissen. Die Menschen der nächsten Generation sollten so gut es geht:
• kritisches Denken anwenden,
• in Systemen denken,
• Muster erkennen,
• die Konsequenzen ihres Handelns abschätzen,
• Entscheidungen treffen können,
• sich auf neue Situationen einstellen und
• Chancen abschätzen.

Ich möchte hier nur mal diese Punkte herausgreifen. Und dazu die Frage stellen: wie erlernt man diese Kompetenzen? Die Antwort kennen wir schon: es ist Schach.

Das Format dieser Konferenz sah nun vor, dass sich die Teilnehmer im Raum verteilten und sich Debatten anschlossen: Bei der von mir geleiteten Debatte ging es um die Frage: Wer sollte Kurse am Nachmittag leiten: Ehrenamtliche, Hauptamtliche oder Lehrkräfte? Unterstützt wurde ich dabei von Carey Fan aus Kalifornien, er leitet “Chesskid” und konnte auch eine differenzierte Meinung dazu beitragen.

Eine kontroverse Frage, die allerlei Meinungen hervorbrachte bei den Teilnehmern, ein Dutzend Leute saßen um einen Tisch herum und sammelten Ihre Antworten und Erfahrungen auf Moderationskarten. Nach einer halben Stunde wechselten alle ihre Debatte und eine ganz neue Gruppe kam an den Tisch. Diese diskutierten weiter und brachten neues Aspekte ins Spiel.

Übergangslos ging es im Obergeschoss in den Seminarräumen mit Workshops weiter: Im mittleren Seminarraum ging es „Strategien im Schulschach“. Andernorts wurde über andere Themen gearbeitet, z.B.: “Schach in Gefängnissen” oder “Schach und Mathematik” (das CHAMPS Programm).

Allessandro Dominici (Italien) und Roberto Schenker (Schweiz) gestalteten den Strategieworkshop im ersten Teil aus. In Italien geht es vornehmlich um das neue EU-Projekt, das sich mit „Menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten für das 21 Jahrhundert“ beschäftigt, während Roberto Schenker Resultate aus einer Umfrage präsentierte, die in diesem Jahr in der Schweiz durchgeführt wurde. Ich durfte die Zwischenergebnisse vom Agenda-Treffen Schulschach präsentieren, die gemeinsam von der DSJ und der Schulschachstiftung im September ausgearbeitet wurden, auf dem Kongress in Ingolstadt weiter entwickelt wurden und noch in der Diskussion sind.

Es zeigte sich, dass wir in Deutschland durch das föderale System zwar in der nationalen Dimension hinter manchen Staaten hinterher sind.
Dort werden auch dicke Bretter gebohrt: in Armenien haben alle Schüler Schach in der Schule, das ist kulturell verankert („das graue Gold“ die grauen Gehirnzellen). In Dänemark wird schon viele Jahre daran gearbeitet, dass an allen Schulen mit großer Vorbereitung alle Kinder Schachunterricht bekommen, das könnte 2019 Wirklichkeit werden. In Polen hat die Regierung den Unterricht angeordnet landesweit, die Umsetzung hat an einigen Stellen noch Lücken.

Andernorts schaut man erfreut auf die Aktivitäten, die in Deutschland möglich sind: Die Verzahnung von Jugendverband und Schulschachstiftung. Das Engagement des Erwachsenen-Verbandes für das Schulschach. Die Stiftungen und privaten Unternehmen, die sich dort engagieren. Daraus sind viele gute Beispiele geworden: Jugendschach in Schleswig-Holstein, die vielen Projekte in Bayern, z.B. das Miesbacher Schulschachprojekt; Schach macht schlau in Bremen (mit der Firma Chessbase u.a.). Das ist schon eine Menge wert.

Im zweiten Workshop-Teil referierten im selben Raum Jerry Nash über die USA, Bachar Kouatly über Frankreich und Jesper Hall über Schweden. Alles sehr intensive Vorträge mit guten Nachfragen der Teilnehmer.
Um 18.00 Uhr endete ein sehr guter und anstrengender erster Tag in London.

Auch in den Pausen war ständig etwas zu tun, denn interessante und noch interessantere Gesprächspartner hatte man allenthalben: Ein Vertreter der Universität in Eger (Ungarn) war einer von Ihnen, ein anderer mein Co-Referent Carey Fan von Chesskid (USA).

Der Sonntagmorgen begann gleich mit Workshops, nach einer einer kurzen Einleitung von John Foley (Generalsekretär der ECU-Bildungskommission).

Im großen Vortragssaal referierte Jesper Hall über Schack4an (“chess4all”, also in etwa “Schach für alle”). Es ist eine sehr beeindruckende Veranstaltung, die in ganz Schweden gespielt wird: in die Schulen kommt am Anfang des Schuljahres ein Schachlehrer und gibt exakt eine Stunde Schachunterricht (Grundregeln). Danach trainieren die Klassen oder Schulen weiter und messen sich untereinander.

Es folgte mein Vortrag über die technischen Aspekte des Alsteruferturniers in Hamburg. Danach erläuterte Sarah Longson von der UK Chess Challenge für Schulen, wie der Preisfonds von 15.000 Pfund zustande kommt und wie man an der Challenge teilnehmen kann: Jede Schule muss pro Turnier ein Startgeld entrichten und es gibt ein 4 stufiges System: In vielen Orten gibt es eine erstes Turnier, dass man “Herausforderer”-Runde nennen kann, in der man sich für die weiteren Finals qualifizieren kann: Das Mega-Finale, für die besten dort das Giga-Finale und um den großen Preisfonds geht es im Tera-Finale.

Um 11.15 Uhr am Sonntag ging es im großen Plenarraum weiter mit Vorträgen zum Thema “wissenschaftliche Beiträge über die Wirkung von Schach”. Auch beteiligt war David Smerdon aus Australien, der von 2014 bis 2017 für Werder Bremen in der Schachbundesliga gespielt hat. Dieses Thema begleitete auch eines der drei Workshop-Bänder im letzten Teil der Konferenz. Die anderen beiden waren “Schach in frühkindlichen Entwicklung” und “Der Einfluss von Schach auf das Sozialverhalten von Schulkindern”.

Alles sehr interessante Workshops, von denen ich bedauerlicherweise immer nur einen besuchen konnte.

Und auch am Sonntag ergaben sich für mich interessante Gespräche über Schulschach in anderen Staaten und interessierte Nachfragen über bestimmte Dinge in Hamburg oder Deutschland. So eine Konferenz ist sehr geeigneter Ort für den Austausch von Ideen und Konzepten.

Nach der Abschluss-Debatte um 16.00 Uhr war ich gleich auf dem Weg zum Flughafen und gegen 23 Uhr endete dieser spannende Ausflug für mich. Ich hoffe, es ist mir gelungen, die Atmosphäre etwas zu beschreiben und wünsche allen Lesern Fröhliche Weihnachten und einen Guten Rutsch ins neue Jahr 2019.

Wer sich die Konferenzunterlagen ansehen möchte, inklusive einiger Videos, der wird hier fündig: